I Ging Orakel - 易經 - Das Buch der Wandlungen

21. Das Durchbeißen - schï ho

i Ging Orakel - Das Durchbeißen Oben Li, das Haftende, das Feuer
Unten Dschen, das Erregende, der Donner

噬嗑
Das Zeichen stellt einen geöffneten Mund dar (vgl. Nr. 27, I), zwischen dessen Zähnen ein Hindernis ist (an vierter Stelle). Infolge davon lassen sich die Lippen nicht vereinigen. Um eine Vereinigung herbeizuführen, bedarf es des energischen Durchbeißens des Hindernisses. Das Zeichen besteht ferner aus den Zeichen für Donner und Blitz, um anzudeuten, wie Hindernisse in der Natur gewaltsam beseitigt werden. Das energische Durchbeißen überwindet das Hindernis der Vereinigung im Mund. Das Gewitter mit Donner und Blitz überwindet die störende Spannung in der Natur. Prozess und Strafe überwinden die Störungen des harmonischen Zusammenlebens durch Verbrecher und Verleumder. Im Unterschied zu dem Zeichen Nr. 6, der Streit, wo es sich um Zivilprozesse handelt, ist hier der Strafprozess behandelt.

DAS URTEIL

Das Durchbeißen hat Gelingen.
Fördernd ist es, Gericht walten zu lassen.

Wenn ein Hindernis der Vereinigung entgegensteht, so schafft energisches Durchbeißen Erfolg. Das gilt in allen Verhältnissen. Immer wird die Einheit, wo sie nicht zustande kommt, durch einen Zwischenträger und Verräter, durch einen Hindernden und Hemmenden aufgehalten. Da muss man energisch durchgreifen, damit kein dauernder Schade entsteht. Solche bewussten Hinderungen verschwinden nicht von selbst. Gericht und Strafe sind nötig zur Abschreckung bzw. Beseitigung.

Aber es gilt dabei in der rechten Weise vorzugehen. Das Zeichen ist aus Li, Klarheit, und Dschen, Erregung, zusammengesetzt. Li ist weich, Dschen ist hart. Bloße Härte und Erregung wäre zu heftig im Strafen. Bloße Klarheit und Weichheit wäre zu schwach. Beides vereint schafft das rechte Maß. Wichtig ist, dass der entscheidende Mann, der durch den fünften Strich repräsentiert ist, seiner Natur nach milde ist, während er durch seine Stellung ehrfurchtgebietend wirkt.

DAS BILD

Donner und Blitz: das Bild des Durchbeißens.
So festigten die früheren Könige
die Gesetze durch klarbestimmte Strafen.

Die Strafen sind die einzelnen Anwendungen der Gesetze. Die Gesetze enthalten die Aufzeichnung der Strafen. Klarheit herrscht, wenn bei der Festsetzung der Strafen leichtere und schwerere je nach den entsprechenden Vergehen klar unterschieden werden. Das wird symbolisiert durch die Klarheit des Blitzes. Die Festigung der Gesetze erfolgt durch die gerechte Anwendung der Strafen. Das wird symbolisiert durch den Schrecken des Donners. Diese Klarheit und Strenge bezweckt, dass die Menschen in Respekt gehalten werden; nicht sind die Strafen um ihrer selbst willen wichtig. Die Hindernisse im Zusammenleben der Menschen werden alle groß durch Unklarheit der Strafbestimmungen und Lässigkeit in ihrer Ausführung. Nur durch Klarheit und bestimmte Raschheit der Strafen werden die Gesetze gefestigt.

DIE EINZELNEN LINIEN1

Anfangs eine Neun bedeutet:

Steckt mit den Füßen im Block, dass die Zehen verschwinden
Kein Makel.

Wenn jemand sofort beim ersten Versuch, etwas Böses zu tun, der Strafe verfällt, so ist die Strafe nur leicht. Es werden nur die Zehen vom Block bedeckt. Er wird dadurch am Weitersündigen verhindert und wird so frei von Makel. Es ist das eine Mahnung, auf der Bahn des Bösen rechtzeitig einzuhalten.

Sechs auf zweitem Platz bedeutet:

Beißt durch weiches Fleisch, dass die Nase verschwindet.
Kein Makel.

Recht und Unrecht lassen sich im vorliegenden Fall leicht unterscheiden. Es ist, wie wenn man durch weiches Fleisch beißt. Aber man trifft auf einen harten Sünder. Darum geht man aus Zorn in der Erregung etwas zu weit. Das Verschwinden der Nase beim Zubeißen bedeutet, dass man den feinen Spürsinn infolge der Empörung verliert. Doch schadet das nicht viel, weil die Strafe als solche gerecht ist.

Sechs auf drittem Platz bedeutet:

Beißt auf altes Dörrfleisch und trifft auf Giftiges.
Kleine Beschämung. Kein Makel.

Es soll jemand eine Strafe vollziehen, zu der er nicht genügend Macht und Ansehen besitzt. Darum fügen sich die Bestraften nicht. Es handelt sich um eine alte Sache- symbolisiert durch gesalzenes Wildbret – und dabei stößt man auf Schwierigkeiten Das alte Fleisch ist verdorben. Man zieht sich durch Beschäftigung mit der Sache giftigen Hass zu. Dadurch kommt man etwas in eine beschämende Lage. Aber da es ein Erfordernis der Zeit war, zu strafen, so bleibt man doch frei von Makel.

Neun auf viertem Platz bedeutet:

Beißt auf getrocknetes Knorpelfleisch.
Erhält Metallpfeile.
Fördernd ist es,
der Schwierigkeiten eingedenk und beharrlich zu sein.
Heil!

Es sind sehr große Schwierigkeiten zu überwinden. Mächtige Gegner sollen bestraft werden. Das ist sehr mühsam. Doch es gelingt. Aber man muss die Härte von Metall und die Geradheit eines Pfeils besitzen, um die Schwierigkeiten zu überwinden. Wenn man diese Schwierigkeiten kennt und beharrlich bleibt so erlangt man Heil. Die schwierige Aufgabe gelingt zuletzt.

Sechs auf fünftem Platz bedeutet:

Beißt auf getrocknetes Muskelfleisch.
Erhält gelbes Gold.
Beharrlich der Gefahr bewusst sein. Kein Makel

Man hat einen Fall zu entscheiden, der zwar nicht leicht, aber doch klar ist. Aber die eigene Natur ist zur Gutmütigkeit geneigt. Darum muss man sich zusammennehmen dass man ist wie gelbes Gold, d. h. unparteiisch – Gelb ist die Farbe der Mitte – und treu wie Gold. Nur wenn man sich dauernd der Gefahren bewusst ist, die aus der Verantwortung entspringen, die man übernommen hat, bleibt man frei von Fehlern.

Oben eine Neun bedeutet:

Steckt mit dem Hals im hölzernen Kragen,
dass die Ohren verschwinden.
Unheil!

Es handelt sich hier im Unterschied zu der Anfangslinie um einen Menschen, der unverbesserlich ist. Er trägt zur Strafe den hölzernen Halskragen. Aber seine Ohren verschwinden darin. Er hört nicht mehr auf Warnungen, sondern ist taub für sie. Diese Verstockung führt ins Unheil.2

Zu: "Anfangs eine Neun" bemerkt Kungtse:

"Der Gemeine schämt sich nicht der Lieblosigkeit und scheut sich nicht vor Ungerechtigkeit. Wenn er keinen Vorteil winken sieht so rührt er sich nicht. Wenn er nicht eingeschüchtert wird, so bessert er sich nicht. Doch wenn er im Kleinen zurechtgebracht wird, so nimmt er sich im Großen in acht. Das in für den geringen Menschen ein Glück."
1) Die einzelnen Linien werden unabhängig vom Gesamtsinn des Zeichens so erklärt, dass der Erste und der Oberste Strafe erleiden, während die übrigen mit Verhängung von Strafen beschäftigt sind (vgl., dazu die entsprechenden Striche des Zeichens Nr. 4. Mong, die Jugendtorheit).

2) Es ist zu bemerken, dass noch eine andere Deutung besteht, die von der Idee "oben das Licht, d. h. die Sonne, unten die Bewegung" ausgehend das Zeichen auf einen Markt deutet, der unten in Bewegung ist, während die Sonne oben am Himmel steht". Und zwar handelt es sich um einen Esswarenmarkt. Das Fleisch deutet auf Esswaren. Gold und Pfeile sind Handelsartikel. Das Verschwinden der Nase bedeutet das Verschwinden des Geruchs, d. h. der Betreffende ist nicht habgierig. Das Gift deutet auf die Gefahren des Reichtums usw.

Zu: "Anfangs eine Neun" bemerkt Kungtse: "Der Gemeine schämt sich nicht der Lieblosigkeit und scheut sich nicht vor Ungerechtigkeit. Wenn er keinen Vorteil winken sieht, so rührt er sich nicht. Wenn er nicht eingeschüchtert wird, so bessert er sich nicht. Doch wenn er im Kleinen zurechtgebracht wird, So nimmt er sich im Großen in acht. Das ist für den geringen Menschen ein Glück".

Zu: "Oben eine Neun" bemerkt Kungtse: Wenn das Gute sich nicht ansammelt, reicht es nicht aus, einen berühmt zu machen. Wenn das Böse sich nicht ansammelt, ist es nicht stark genug, einen zu vernichten. Der Gemeine denkt deshalb, Gutes im Kleinen habe keinen Wert; darum unterlässt er es. Er denkt: Kleine Sünden schaden nichts. Darum gewöhnt er sie sich nicht ab. So sammeln sich seine Sünden an, bis sie sich nicht mehr bedecken lassen, und seine Schuld wird so groß, dass sie sich nicht mehr lösen lässt.